TankVideo

Aus dem Livebetrieb

Wegfahrer erkennen: Warum die Kasse allein nicht reicht

Ein Kunde tankt und fährt weg, ohne zu bezahlen. Im Datenstrom der Kasse sieht das zunächst exakt genauso aus wie ein Kunde, der noch in der Schlange steht. Das ist das ganze Problem — und der Grund, warum die meisten Versprechen zur Tankbetrug-Erkennung an der Wirklichkeit vorbeigehen.

Wir haben die Erkennung an einer echten Tankstelle gebaut, im laufenden Betrieb, gemeinsam mit dem Betreiber. Was hier steht, stammt nicht aus einem Datenblatt, sondern aus einem Fünf-Tage-Mitschnitt des Kassen-Feeds mit 2.101 Tankvorgängen und aus drei Fehlalarmen, die uns die eigentlichen Regeln beigebracht haben.

Die Kasse sagt nicht, ob bezahlt wurde

Die naheliegende Annahme lautet: Die Kasse weiß doch, ob ein Tankvorgang bezahlt ist. Tut sie nicht — jedenfalls nicht so, dass sie es sagt. Der Datenstrom zwischen Kasse und Zapfsäulen (bei uns ein serieller V.24-Feed) kennt kein Bezahlt-Flag. Er meldet, dass eine Zapfpistole ausgehoben wurde, dass sie wieder eingehängt wurde, welche Menge geflossen ist — und irgendwann taucht an der Kasse eine Kraftstoff-Buchung auf.

Ob diese Buchung bedeutet „der Kunde hat bezahlt", muss man erschließen. Und genau dort liegen die Fallstricke.

Fallstrick 1: Der langsame Zahler

Der erste Reflex ist ein Timeout: Wenn nach dem Tanken X Minuten lang keine Zahlung kommt, schlage Alarm. Die Zahlen aus unserem Mitschnitt sagen, warum das nicht trägt. Zwischen Tankende und Zahlung liegen im Median 53 Sekunden — aber die Verteilung hat einen langen Schwanz:

Anteil der VorgängeZeit bis zur Zahlung
50 % (Median)53 Sekunden
90 %4,3 Minuten
95 %7,2 Minuten
99 %18,9 Minuten

Das letzte Prozent sind keine Betrüger, sondern Flottenkunden, Shop-Einkäufe, eine lange Schlange. Ein Timeout von zehn Minuten würde bei rund 2,9 % aller Tankvorgänge Alarm schlagen, bei fünfzehn Minuten immer noch bei 1,5 %. Bei 2.101 Vorgängen in fünf Tagen sind das dutzende Fehlalarme pro Woche. Nach dem dritten schaut niemand mehr hin — und damit ist das System wertlos, auch wenn es beim vierten recht hätte.

Fallstrick 2: Die Buchung beweist keine Zahlung

Der zweite Reflex: Wenn eine Kraftstoff-Buchung für die Säule erscheint, ist bezahlt worden. Auch das stimmt nicht. Denn der Kassierer bucht die Tankung eines Weggefahrenen ebenfalls — er muss es tun, sonst bleibt die Säule gesperrt und der nächste Kunde kann nicht tanken. Die Buchung erscheint also gerade auch im Betrugsfall.

Wir prüfen deshalb nicht die Buchung, sondern die Deckung: Wurde für diese Tankung tatsächlich Geld kassiert? Dazu werden pro Kassenplatz die gebuchten Tankungen gegen das tatsächlich Vereinnahmte verrechnet — abzüglich Rückgeld, unter Berücksichtigung von Shop-Artikeln und Split-Zahlungen. Und das über Bon-Grenzen hinweg, denn eine Tankung wird oft früh gebucht und erst auf einem späteren Bon kassiert.

Feldbeleg, kein Alarm: Zwei Tankungen (38,86 € an Säule 4, 57,95 € an Säule 2) wurden zusammen gebucht, aber auf zwei getrennten Bons bezahlt — 34 Sekunden versetzt. Eine naive Zuordnung hätte hier Alarm geschlagen.
Feldbeleg, echter Alarm: Bon #48605, Säule 2, 22,00 € — nie gedeckt.

Fallstrick 3: Das Auto ist weg, der Kunde nicht

Bleibt die Kamera. Wenn das Fahrzeug die Säule verlassen hat, ist doch klar, dass es weggefahren ist? An vielen Stationen: nein. Dort fahren Kunden den Zapfpunkt frei, bevor sie zur Kasse gehen — sie machen Platz. In unseren Tests wurden Vorgänge fünf bis zwanzig Sekunden nach dem Kamera-Alarm ganz normal bezahlt.

Deshalb entscheidet bei uns die Kamera nicht über den bestätigten Alarm. Sie liefert eine Frühwarnung — und, wichtiger, sie liefert eine Gegenprobe.

Was tatsächlich funktioniert

Das verlässlichste Signal kommt nicht aus der Technik, sondern aus dem Betriebsablauf: Wenn der nächste Kunde meldet, dass „die Säule gesperrt ist", gibt der Kassierer sie manuell frei. Genau dieser Handgriff ist die Aussage des Personals selbst, dass der vorherige Vorgang nicht abgerechnet wurde. Er ist im Datenstrom sichtbar, und er ist exakt — im Gegensatz zu jeder Uhr.

Daraus wird ein dreistufiger Meldeweg:

  1. Verdacht, wenn bei der Freigabe laut Kamera ein anderes oder kein Fahrzeug an der Säule steht.
  2. Verdacht, wenn nach dem Einhängen der Zapfpistole binnen drei Minuten keine Freigabe erfolgt.
  3. Alarm, wenn nach der Freigabe binnen drei Minuten keine deckende Zahlung eingeht.

Der Alarm landet als Ereignis in der Aufnahme-Timeline des Rekorders — mit Säulennummer, Betrag, Litern und, wenn lesbar, dem Kennzeichen. Man springt also nicht in eine Zeitleiste und sucht, sondern klickt auf den Marker und sieht den Vorgang.

Drei Fehlalarme, die uns Regeln beigebracht haben

Das Ehrlichste, was wir über die Erkennung sagen können, sind die Fälle, in denen sie falsch lag. Alle drei sind im Livebetrieb aufgetreten, alle drei sind behoben.

06. Juli — die Zahlung landete auf dem falschen Vorgang. An Säule 3 lief noch ein alter, unbezahlter Vorgang, als der nächste Kunde tankte. Die eingehende Zahlung von 59,63 € wurde nach dem Prinzip „ältester zuerst" dem alten Vorgang zugeordnet — worauf der gerade bezahlte Vorgang als unbezahlt galt und Alarm schlug. Seitdem wird die Zahlung betragsscharf zugeordnet: Der Vorgang mit exakt passendem Betrag wird geschlossen, nicht der älteste.
08. Juli — der Kunde zahlte nach 21 Minuten. Der Rückfall-Timeout von 15 Minuten feuerte, obwohl das Fahrzeug noch an der Säule stand. Seitdem wird der Timeout kamera-gegengeprüft: Steht dasselbe Auto noch da, ist es kein Wegfahrer, sondern ein Wartender — dann bleibt es beim Verdacht statt beim Alarm.
10. Juli — ein Wegfahrer wurde verschluckt. Eine Kartenzahlung über 50,16 € brach ab, der Kassierer buchte die Tankung manuell. Kurz darauf wurde auf einem „Kein-Verkauf"-Bon eine Bargeld-Einlage über 1.300 € erfasst — und diese Summe „deckte" rechnerisch die offene Tankung. Kein Verdacht, obwohl es einer gewesen wäre. Seitdem gilt: Kein-Verkauf-Bons decken keine Tankungen; ihre Beträge sind keine Kundenzahlung.

Was wir nicht können

Grenzen, die bleiben

Ein Zahlungsabbruch sieht aus wie ein Wegfahrer. Bricht eine Kartenzahlung ab und wird die Tankung manuell gebucht, entsteht dasselbe Bild wie bei einem echten Betrug: eine Tankung ohne deckende Zahlung. Wir melden das als Verdacht — unterscheiden können wir es nicht.

Außerhalb der Öffnungszeiten schweigt die Erkennung. Nachts wird per App an der Säule bezahlt, und diese Zahlung erscheint im Kassen-Feed überhaupt nicht. Statt jede Nachttankung als Betrug zu melden, unterdrücken wir die Meldungen außerhalb der Öffnungszeiten. Lieber eine ehrliche Lücke als ein Alarm, dem niemand traut.

Ohne Kamera an der Säule ist die Erkennung schwächer. Dann fehlen die Gegenprobe beim Timeout und die Frühwarnung. Wir sagen das vorher, statt es hinterher zu erklären.

Was daraus folgt

Tankbetrug lässt sich nicht mit einer einzigen Regel erkennen. Wer „zuverlässige Erkennung" verspricht, hat entweder die Fehlalarme nicht gezählt oder die Zahlen nicht angesehen. Was geht, ist eine Erkennung, die den Betriebsablauf ernst nimmt, die Zahlung betragsscharf nachrechnet und die Kamera als Gegenprobe statt als Kronzeugen benutzt — und die offenlegt, wo sie blind ist.

Der praktische Nutzen ist dabei oft ein anderer, als man zuerst denkt. Der Betreiber, mit dem wir das gebaut haben, nennt als größten Gewinn nicht den Alarm selbst, sondern das schnelle Auffinden: Ein Vorgang ist in Sekunden gefunden, statt in einer Zeitleiste gesucht zu werden — und bei Diskussionen mit Kunden lässt sich der Vorgang mit allen Daten direkt im Bild zeigen.

Sie betreiben eine Tankstelle mit UniFi Protect?

TankVideo blendet Kassen- und Tankdaten ins Kamerabild ein und setzt Vorgangsmarker in die Aufnahme. Alles läuft vor Ort; es gibt keine Cloud.

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Stand: 13. Juli 2026. Die genannten Zahlen stammen aus dem Livebetrieb einer Station (Fünf-Tage-Mitschnitt, 2.101 Tankvorgänge) und sind standortabhängig.